Es ist nun auf den Tag 25 Jahre her, seit ich mich habe taufen lassen, am 20. Oktober 1996, im Alter von 15 Jahren. Ich war damals mit meiner Familie in der EFG Selb, einer Brüdergemeinde, zu Hause. Meine Entscheidung, mich taufen zu lassen, hatte viel mit Menschen zu tun, die mich begleitet haben: meine Jugendleiter, Freund:innen, Familie – sie waren wichtig, um zu erleben, dass der Glaube an Jesus für Menschen nicht nur geglaubte Wahrheit ist, sondern ihr Leben prägt. Dabei habe ich Gutes erlebt und Schlechtes, Licht und Schatten.

Der positive Eindruck, der mir am tiefsten ging, war die bedingungslose Liebe gegenüber allen Menschen. Das habe ich in meiner Familie erlebt, von einer Person, die mir unglaublich wichtig war und ist. Sie hat keinen Hehl daraus gemacht, was sie als richtig oder falsch empfunden hat, das machte aber für sie im Umgang mit Menschen keinen Unterschied. Dieses große Pfund habe ich mir behalten, und ich möchte weiter so leben. Nicht nur nach 25 Jahren Taufe, sondern bis zum Ende meiner Tage.

Der größte Schatten, der mich in meinem Glaubensleben begleitet hat, ist ein Verständnis von Ethik, dass sich in das Leben anderer Leute einmischt, in ihre Lebensentscheidungen, ihre Schwierigkeiten, ihre Hoffnungen, und manches Positive im Keim erstickt sowie Schwierigkeiten und Ängste verstärkt. Ethik, die sich als Liebe zum Mitmenschen tarnt, doch im Gedächtnis der Opfer bleibt hängen: “Du bist nicht gut genug für Gott”. Das ist schmerzhaft, und es ist falsch. Ich erinnere mich an die Momente, in denen ich ebenfalls so handelte, mir Lebensumstände Anderer egal waren, meine Glaubenssätze autoritär auf die Realität prallten und ich mir nicht die Mühe machte, meine Glaubenssätze an der Realität zu prüfen. Bis heute erinnere ich mich an diese Momente, und sie beschämen mich… zurecht.

In den letzten 25 Jahren hat sich viel getan. Ich habe in der Gemeinde mitgearbeitet, zunächst im Lobpreisteam, später zusätzlich in der Jugendarbeit. Das war 2 Jahre nach meiner Taufe, in der EFG Geislingen/Steige. Später kamen auch Predigten dazu, als sich für mich die Frage stellte, ob ich Theologie studieren und Pastor werden sollte. Ich habe gerne in der Gemeinde mitgearbeitet. Es hat mir das Gefühl gegeben, fester Bestandteil der Gemeinschaft um Jesus zu sein, mitzugestalten und in Kontakt mit Anderen zu treten. Ich kann aus meiner Erfahrung heraus nur dazu ermutigen, sich in der Gemeinde einzubringen, sei es in Arbeitsgruppen, in geistlichen Gruppen oder bei Sonderaktionen und Projekten. Die Zugehörigkeit wächst und Glauben reift durch das Miteinander.
Ich habe Soziale Arbeit und Theologie studiert, meine Frau kennengelernt, mit ihr eine wunderbare Familie gegründet. Gemeinsam gestalten wir den Gemeindedienst in Hamburg-Billstedt und haben gerade unsere Petersilienhochzeit hinter uns. Meine Frau ist der wichtigste Mensch in meinem Leben, mein Anker, wenn ich abzudriften drohe, meine Stütze, wo ich stolpere, mein Zuspruch, wo ich mich schlecht fühle. Meine Kinder sind großartig, haben Charakter, sind leidenschaftlich und witzig. Was für eine Freude und Ehre, dass wir sie haben und sie auf ihrem Weg prägen dürfen.

Geistlich ist in den letzten 25 Jahren bei mir viel passiert. Ich habe mit Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden und Konfessionen mein Leben geteilt. Ökumene war mir schon immer wichtig. Von meinem Zuhause aus wurde mir nicht vermittelt, dass bestimmte Gemeinden “besonders” waren oder “richtiger”. Dieses Denken ist mir bis heute fremd und ich habe es für mich auch nie akzeptiert oder übernommen.
Ich habe meine Berufung zum Pastorendienst erfahren. Gott hat mir direkt ins Herz gesprochen und auch nach mehreren Zweifeln meinerseits diese Berufung immer wieder bestätigt. Ich bin gespannt, was Gott weiter mit meiner Berufung vor hat, in den nächsten Jahren, in denen mich Gott weiter begleitet und er mein Leben formt.
Im Theologiestudium habe ich einen grundlegenden Wandel meiner Glaubensüberzeugungen erfahren. War meine Liebe zur Bibel bisher davon geprägt, den Wortlaut als Wahrheit im naturwissenschaftlichen und historischen Sinn, so hat sich meine Liebe geändert, weg vom Buchstaben hin zu Jesus. Manchem mag das seltsam vorkommen, weil sie es gleichsetzen. Doch Jesus ist nicht die Bibel. Jesus ist Gott, und die Bibel ist nicht Gott. Diese Erkenntnis war wichtig für mich, denn besonders entscheidend war für mich damit, dass Jesus mit mir eine Beziehung führen möchte. Es kommt nicht darauf an, was ich für historisch oder naturwissenschaftlich glaubwürdig halte, sondern auf meine Beziehung mit Jesus. Das ist der Kern. Und nur so kann das wichtigste Gebot, Liebe zu Gott und den Menschen, auch Früchte tragen. Meine Liebe zur Bibel ist ungebrochen, doch sie hat sich verändert. Heute sehe ich darin ein vielfältiges Zeugnis der Menschen, die durch die Geschichte hindurch mit Gott unterwegs waren. Sie erzählen mir, was sie geglaubt haben, welche Glaubenssätze ihnen wichtig waren, ja sogar, welche sie im Lauf der Zeit hinterfragt und neu gedacht haben. Das ist sehr wertvoll, denn es zeigt mir, dass Gott mit uns Geschichte macht. Nicht nur mit denen, die ihr Zeugnis in der Bibel hinterlassen konnten, auch mit dir und mir. Das ist nicht nur groß, es ist erstaunlich und unbegreiflich. Und es zeigt mir, dass sich Gott nicht auf Glaubenssätze festlegen lässt. Er hat durch die Geschichte hindurch Menschen neue Impulse gegeben, alte Glaubenssätze durchbrochen und seine eigene Geschichte geschrieben, die wir nicht festhalten können, sondern nur leben.

Was kommt nun, nach dem Blick zurück? Der Blick ins Heute und der Blick nach vorne. Heute sitze ich in meinem Zimmer einer Rehaklinik im wunderschönen Bad Salzuflen und schreibe diese Zeilen, ohne Feinschliff, aber mit Herz. Meine Depression bringt in mir die Frage laut auf, wie Gottes Berufung für mich weiter geht. Ich vertraue ihm, dass er es weiß und er mich führt. Ich möchte weiter Pastor sein, weiterhin meine Tätigkeit als Synchron- und Studiosprecher ausüben und ausbauen und sehen, welche finanziellen Quellen sich für mich und meine Familie auftun. Beruflich plane ich den Aufbau eines Affiliate Marketings. Privat denke ich über ein neues Projekt nach: einen Blog über (meine) Depression, zur Aufklärung über die Krankheit und was sie in einem konkreten Leben, nämlich meinem, bedeuten kann. Vieles liegt auf dem Weg vor mir, ein konkretes und sichtbares Ziel ist trotz all der Pläne und Gedanken immer noch nicht klar zu sehen, doch ich bin schon ein gutes Stück weitergegangen.

Zum Schluss bleibt der Blick auf meinen Taufspruch aus 2.Timotheus 1,7:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

2.Timotheus 1,7 (Lutherbibel 1984)

Der Vers hat mich begleitet und erscheint mir heute aktueller denn je. Ich könnte voller Furcht auf den Weg vor mir sehen, könnte mich voller Angst meiner Depression ergeben und passiv werden. Doch Gott hat mir immer wieder die Kraft zum Kämpfen gegeben, er wird damit nicht aufhören. Er hat mir Liebe geschenkt und mir gezeigt, wie ich in Liebe auf Andere zugehen kann. Er zeigt mir immer wieder, in welchen Situationen ich besonnen vorgehen muss, um nicht übereilt Fehlentscheidungen zu treffen, die natürlich trotzdem vorkommen. Gott ist immer bei mir. Das war so und das bleibt so. In dieser Gewissheit schaue ich nach vorne und bin gespannt, was ich zu meiner Goldenen Taufe in 25 Jahren schreiben kann.

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