Wertschätzung durch Arbeit?

Dieser Artikel ist erschienen in der Zeitschrift DIE GEMEINDE 09/2022

Ich sitze in meinem Klinikbett und nehme Nadel und Wolle in die Hand. Mein Ziel: Ohne Vorlage eine Tasche zu häkeln. Mein Hauskreis hat in der Bibel von einer Orakeltasche gelesen und gab mir als Herausforderung, so eine anzufertigen. Nur zum Spaß und nicht ernst gemeint, doch die Herausforderung reizt mich. Meine Häkelkenntnisse sind überschaubar, doch sie reichen aus, um nach wenigen Versuchen eine kleine Tasche häkeln zu können, mit Knopfloch und einem kurzen Band. Sie ist nicht schön, sie ist nicht originell, aber sie ist mein Werk. Das geschafft zu haben fühlt sich gut an, und ich bin stolz auf mich.

Es klingt schon merkwürdig, wie ein 40jähriger Mann sich so über eine selbst gehäkelte Tasche freuen kann. Doch für mich war dieser Prozess ein wichtiger Schritt darin, meine eigenen Fähigkeiten (neu) zu entdecken. Ich bin an Depression erkrankt, erst im Januar 2021 gab es dazu eine fachliche Diagnose, Jahre zuvor bin ich regelmäßig krank geworden und für mehrere Wochen ausgefallen. Die Arbeitsphasen dazwischen waren nicht sehr produktiv, oft fühlte ich mich überfordert oder leer. Zuhause auf dem Sofa zu liegen, unfähig, irgendetwas tun zu können, selbst das Aufhängen der Wäsche im Keller ist ein enormer Kraftakt, das hat stark an meinem Selbstwert gezerrt:

Mann gebeugt Selbstzweifel

„Bin ich überhaupt noch zu etwas zu gebrauchen?“ „Ich fühle mich wie ein Krüppel.“ Diese Gedanken brechen immer wieder durch. Ich habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass es jetzt eben so ist.

Dass ich nicht mit noch mehr Versuchen, mich zusammenzureißen, die Tiefphasen überwinden kann. Im Gegenteil, diese Versuche bremsten mich noch mehr aus. Ich musste akzeptieren lernen, dass ich viele Prozesse, die ich begonnen hatte, nicht zu Ende führen würde. Dass ich, wenn überhaupt, das Nötigste schaffe. Bis heute bin ich kaum belastbar, nur langsam wird es besser und es wartet eine berufliche Reha-Maßnahme auf mich, die mich wieder aufpäppeln soll.

So hart diese Zeit auch war und ist, sie hat mich eine wichtige Lektion gelehrt: Mein Selbstwert wird nicht von meiner Leistungsfähigkeit bestimmt. Ich bin kein Workaholic, meine Arbeit war mir nie wichtiger als meine Familie, meine Freunde oder meine Hobbies. Ich kann mich gut von Aufgaben abgrenzen und dennoch Spaß an meiner Arbeit haben. Und doch hat sie einen Teil meines Selbstwertes bestimmt. Da kommt in mir die Frage auf, wie sehr ich künftig meinen Selbstwert von meiner Arbeit abhängig machen möchte.

Einer ähnlichen Frage geht das Buch Prediger nach. In einer Mischung aus Weisheit und teils depressiver Melancholie geht es der Frage nach, welchen Sinn alles Tun im Leben hat. Im Abschnitt 4,4-8 wendet er sich der Arbeit zu. Wollte man sie ergreifen und für sich fruchtbar machen, seinen Selbstwert oder seine existenzielle Sicherheit darauf bauen, so bleibt am Ende nicht mehr in der Hand als eine flüchtige Brise, die, kaum ist die Hand geöffnet, wieder von dannen zieht. Eine deprimierende Perspektive. Eine grausame Erkenntnis. Ich habe diese Erfahrung gemacht, schmerzhaft und erdrückend. Alles Mühen war vergeblich, führte mich sogar noch tiefer in den Schmerz.

Doch der Prediger bleibt nicht in diesem hoffnungslosen Loch stecken. Er erkennt in 5,17: Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass wir Menschen in dem kurzen Leben, das Gott uns zugemessen hat, nichts Besseres tun können als essen und trinken und es uns wohl sein lassen bei aller Mühe, die wir haben. So hat Gott es für uns bestimmt. (Gute Nachricht Bibel). Arbeit bestimmt unser Leben, daran hält er fest, doch liegt ihr Zweck nicht darin, unseren Selbstwert zu bestimmen, sondern uns das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Ich finde, dass darin ein weiser und angemessener Umgang mit der Arbeit angesprochen wird. Arbeit bzw. Beschäftigung ist wichtiger Teil des Lebens, das wird er immer sein. Doch ich möchte nicht zu ihrem Diener werden, indem ich meinen Selbstwert von ihr abhängig mache. Im Gegenteil, sie soll mir dienen, indem sie mir dabei hilft, ein Leben zu führen, das mich erfüllt.

In meiner Verhaltenstherapie lerne ich, mich auf Dinge zu konzentrieren, die mir guttun. Sie sind Brücken über meine Tiefphasen. Dazu gehören u.a. Bewegung, Sonne, ausreichend Pausen ohne Mediennutzung und vertraute Gemeinschaft. Darin sehe ich den Prediger bestätigt, wenn auch er sich auf das konzentriert, was uns guttut. Das macht vor der Arbeit nicht halt. In meiner anstehenden beruflichen Reha liegt der Fokus nicht darauf, so schnell wie möglich wieder arbeiten zu können und damit meinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Ich soll dank der Reha so gesund wie möglich wieder arbeiten können. Darum werden wir auch nach beruflichen Möglichkeiten suchen, die für mein Wohlergehen förderlich sind.  Welchen Stellenwert hat meine Arbeit? Einen hohen, nach wie vor. Ich möchte auf jeden Fall wieder arbeiten gehen, doch ich möchte mich selbst dabei nicht mehr aus dem Blick verlieren. Ich möchte stärker auf mich achten und mich auf den Selbstwert besinnen, den Gott mir als sein Geschöpf gegeben hat. Ich möchte darauf achten, dass ich mit der Arbeit mir und damit Gottes Schöpfung Gutes tue. Vieles auf dem Weg dorthin ist noch ungewiss, und wie bei der Orakeltasche werde ich möglicherweise immer wieder neu anfangen müssen, bis Masche um Masche ineinandergreifen und ein gutes Ganzes ergeben. Mein Leben wird dadurch verändert. Vielleicht ist nicht so schön wie vorher – dafür ist anderes womöglich noch schöner. Vielleicht ist manches nicht mehr so originell wie vorher – dafür tut es mir gut. Ich möchte auf mein Leben und meine Arbeit schauen und sagen können: „Das geschafft zu haben fühlt sich gut an, und ich bin stolz auf mich.“

Orakeltasche
Meine Orakeltasche

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Hier spricht der Pastor bei “Secta”

Was macht man eigentlich, wenn man Theologie studiert? Diese Frage taucht im Gespräch immer mal wieder auf. Ich hatte die große Freude und Ehre, diese Frage mit Fabian aus dem “Secta”-Podcast zu besprechen. Fabian ist selbst Theologe und Journalist und spricht in seinem Podcast über Religiöse Sondergemeinschaften. Auf einem seiner Hörer:innentreffen wurde ebenfalls gefragt: “Was macht man eigentlich, wenn man Theologie studiert?” An diesem Tag entstand die Idee zu unserer gemeinsamen Folge. Hört gerne rein und viel Spaß!

Mit freundlicher Genehmigung von Fabian von “Secta”

Wenn ihr uns einen Kommentar abgeben möchtet oder Fragen habt, schreibt hier oder bei Secta einen Kommentar oder mailt uns an:
Fabian: guru@secta.fm
Christian: kontakt@hier-spricht-der-pastor.org

Credits
Hier geht es zum Secta-Podcast und zum dortigen Episodenbeitrag.

Intro & Outtro: Kevin MacLeod, “Dirt Rhodes”, CC-BY
Trenner von Sergey Cheremisinov

Silberne Taufe – ein Rückblick

Es ist nun auf den Tag 25 Jahre her, seit ich mich habe taufen lassen, am 20. Oktober 1996, im Alter von 15 Jahren. Ich war damals mit meiner Familie in der EFG Selb, einer Brüdergemeinde, zu Hause. Meine Entscheidung, mich taufen zu lassen, hatte viel mit Menschen zu tun, die mich begleitet haben: meine Jugendleiter, Freund:innen, Familie – sie waren wichtig, um zu erleben, dass der Glaube an Jesus für Menschen nicht nur geglaubte Wahrheit ist, sondern ihr Leben prägt. Dabei habe ich Gutes erlebt und Schlechtes, Licht und Schatten.

Der positive Eindruck, der mir am tiefsten ging, war die bedingungslose Liebe gegenüber allen Menschen. Das habe ich in meiner Familie erlebt, von einer Person, die mir unglaublich wichtig war und ist. Sie hat keinen Hehl daraus gemacht, was sie als richtig oder falsch empfunden hat, das machte aber für sie im Umgang mit Menschen keinen Unterschied. Dieses große Pfund habe ich mir behalten, und ich möchte weiter so leben. Nicht nur nach 25 Jahren Taufe, sondern bis zum Ende meiner Tage.

Der größte Schatten, der mich in meinem Glaubensleben begleitet hat, ist ein Verständnis von Ethik, dass sich in das Leben anderer Leute einmischt, in ihre Lebensentscheidungen, ihre Schwierigkeiten, ihre Hoffnungen, und manches Positive im Keim erstickt sowie Schwierigkeiten und Ängste verstärkt. Ethik, die sich als Liebe zum Mitmenschen tarnt, doch im Gedächtnis der Opfer bleibt hängen: “Du bist nicht gut genug für Gott”. Das ist schmerzhaft, und es ist falsch. Ich erinnere mich an die Momente, in denen ich ebenfalls so handelte, mir Lebensumstände Anderer egal waren, meine Glaubenssätze autoritär auf die Realität prallten und ich mir nicht die Mühe machte, meine Glaubenssätze an der Realität zu prüfen. Bis heute erinnere ich mich an diese Momente, und sie beschämen mich… zurecht.

In den letzten 25 Jahren hat sich viel getan. Ich habe in der Gemeinde mitgearbeitet, zunächst im Lobpreisteam, später zusätzlich in der Jugendarbeit. Das war 2 Jahre nach meiner Taufe, in der EFG Geislingen/Steige. Später kamen auch Predigten dazu, als sich für mich die Frage stellte, ob ich Theologie studieren und Pastor werden sollte. Ich habe gerne in der Gemeinde mitgearbeitet. Es hat mir das Gefühl gegeben, fester Bestandteil der Gemeinschaft um Jesus zu sein, mitzugestalten und in Kontakt mit Anderen zu treten. Ich kann aus meiner Erfahrung heraus nur dazu ermutigen, sich in der Gemeinde einzubringen, sei es in Arbeitsgruppen, in geistlichen Gruppen oder bei Sonderaktionen und Projekten. Die Zugehörigkeit wächst und Glauben reift durch das Miteinander.
Ich habe Soziale Arbeit und Theologie studiert, meine Frau kennengelernt, mit ihr eine wunderbare Familie gegründet. Gemeinsam gestalten wir den Gemeindedienst in Hamburg-Billstedt und haben gerade unsere Petersilienhochzeit hinter uns. Meine Frau ist der wichtigste Mensch in meinem Leben, mein Anker, wenn ich abzudriften drohe, meine Stütze, wo ich stolpere, mein Zuspruch, wo ich mich schlecht fühle. Meine Kinder sind großartig, haben Charakter, sind leidenschaftlich und witzig. Was für eine Freude und Ehre, dass wir sie haben und sie auf ihrem Weg prägen dürfen.

Geistlich ist in den letzten 25 Jahren bei mir viel passiert. Ich habe mit Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden und Konfessionen mein Leben geteilt. Ökumene war mir schon immer wichtig. Von meinem Zuhause aus wurde mir nicht vermittelt, dass bestimmte Gemeinden “besonders” waren oder “richtiger”. Dieses Denken ist mir bis heute fremd und ich habe es für mich auch nie akzeptiert oder übernommen.
Ich habe meine Berufung zum Pastorendienst erfahren. Gott hat mir direkt ins Herz gesprochen und auch nach mehreren Zweifeln meinerseits diese Berufung immer wieder bestätigt. Ich bin gespannt, was Gott weiter mit meiner Berufung vor hat, in den nächsten Jahren, in denen mich Gott weiter begleitet und er mein Leben formt.
Im Theologiestudium habe ich einen grundlegenden Wandel meiner Glaubensüberzeugungen erfahren. War meine Liebe zur Bibel bisher davon geprägt, den Wortlaut als Wahrheit im naturwissenschaftlichen und historischen Sinn, so hat sich meine Liebe geändert, weg vom Buchstaben hin zu Jesus. Manchem mag das seltsam vorkommen, weil sie es gleichsetzen. Doch Jesus ist nicht die Bibel. Jesus ist Gott, und die Bibel ist nicht Gott. Diese Erkenntnis war wichtig für mich, denn besonders entscheidend war für mich damit, dass Jesus mit mir eine Beziehung führen möchte. Es kommt nicht darauf an, was ich für historisch oder naturwissenschaftlich glaubwürdig halte, sondern auf meine Beziehung mit Jesus. Das ist der Kern. Und nur so kann das wichtigste Gebot, Liebe zu Gott und den Menschen, auch Früchte tragen. Meine Liebe zur Bibel ist ungebrochen, doch sie hat sich verändert. Heute sehe ich darin ein vielfältiges Zeugnis der Menschen, die durch die Geschichte hindurch mit Gott unterwegs waren. Sie erzählen mir, was sie geglaubt haben, welche Glaubenssätze ihnen wichtig waren, ja sogar, welche sie im Lauf der Zeit hinterfragt und neu gedacht haben. Das ist sehr wertvoll, denn es zeigt mir, dass Gott mit uns Geschichte macht. Nicht nur mit denen, die ihr Zeugnis in der Bibel hinterlassen konnten, auch mit dir und mir. Das ist nicht nur groß, es ist erstaunlich und unbegreiflich. Und es zeigt mir, dass sich Gott nicht auf Glaubenssätze festlegen lässt. Er hat durch die Geschichte hindurch Menschen neue Impulse gegeben, alte Glaubenssätze durchbrochen und seine eigene Geschichte geschrieben, die wir nicht festhalten können, sondern nur leben.

Was kommt nun, nach dem Blick zurück? Der Blick ins Heute und der Blick nach vorne. Heute sitze ich in meinem Zimmer einer Rehaklinik im wunderschönen Bad Salzuflen und schreibe diese Zeilen, ohne Feinschliff, aber mit Herz. Meine Depression bringt in mir die Frage laut auf, wie Gottes Berufung für mich weiter geht. Ich vertraue ihm, dass er es weiß und er mich führt. Ich möchte weiter Pastor sein, weiterhin meine Tätigkeit als Synchron- und Studiosprecher ausüben und ausbauen und sehen, welche finanziellen Quellen sich für mich und meine Familie auftun. Beruflich plane ich den Aufbau eines Affiliate Marketings. Privat denke ich über ein neues Projekt nach: einen Blog über (meine) Depression, zur Aufklärung über die Krankheit und was sie in einem konkreten Leben, nämlich meinem, bedeuten kann. Vieles liegt auf dem Weg vor mir, ein konkretes und sichtbares Ziel ist trotz all der Pläne und Gedanken immer noch nicht klar zu sehen, doch ich bin schon ein gutes Stück weitergegangen.

Zum Schluss bleibt der Blick auf meinen Taufspruch aus 2.Timotheus 1,7:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

2.Timotheus 1,7 (Lutherbibel 1984)

Der Vers hat mich begleitet und erscheint mir heute aktueller denn je. Ich könnte voller Furcht auf den Weg vor mir sehen, könnte mich voller Angst meiner Depression ergeben und passiv werden. Doch Gott hat mir immer wieder die Kraft zum Kämpfen gegeben, er wird damit nicht aufhören. Er hat mir Liebe geschenkt und mir gezeigt, wie ich in Liebe auf Andere zugehen kann. Er zeigt mir immer wieder, in welchen Situationen ich besonnen vorgehen muss, um nicht übereilt Fehlentscheidungen zu treffen, die natürlich trotzdem vorkommen. Gott ist immer bei mir. Das war so und das bleibt so. In dieser Gewissheit schaue ich nach vorne und bin gespannt, was ich zu meiner Goldenen Taufe in 25 Jahren schreiben kann.

Gemeinde ohne Politik – Illusion oder Wirklichkeit?

Dieser Beitrag ist erschienen in der Zeitschrift DIE GEMEINDE 19/2021

Kurz vor der Bundestagswahl 2009 besuchte ich einen evangelischen Gottesdienst im sächsischen Vogtland. Kurz vor Ende des Gottesdienstes hat der Kirchengemeinderat die Gottesdienstgemeinde gebeten, sich an der anstehenden Wahl zu beteiligen. Dieser Bitte folgte der dringende Appell, der heute wohl so formuliert würde: „Sie können jede Partei wählen, die sich zur Wahl stellt. Sie gründen auf dem Fuß unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Doch bitte wählen Sie nicht die NPD, denn diese Partei ist Gegner unserer Demokratie und unserer Gesellschaft.“ Mir gingen mehrere Gedanken durch den Kopf. Zum einen fand ich die Ansage mutig und kann sie inhaltlich voll unterstützen. Gerade in Sachsen hatte zu dieser Zeit die NPD einen hohen Zulauf. Zugleich hat mich die Ansage ins Nachdenken darüber gebracht, wieviel Politik in der Kirche oder Gemeinde sein darf oder sollte. Auf jeden Fall hat die Ansage Eindruck auf mich gemacht.

Zwei Überzeugungen sind für mich unumstößlich: (1) Das Kerngeschäft der Gemeinde ist die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus in Wort und Tat und (2) Kirche und Staat sind und bleiben voneinander getrennt. Doch ist damit alles gesagt? Auf den ersten Blick lässt sich mit den beiden Sätzen durchaus ableiten, dass Gemeinde nicht den Auftrag hat, Politik zu betreiben oder politische Themenfelder zu bearbeiten, weder in der Verkündigung noch in ihrem Gemeindeleben. Das hieße: „Gemeinde kümmert sich um das Seelenheil, der Staat um gesellschaftliche Fragen“. Gemeindealltag sieht aber manchmal anders aus:

Da ist ein Gemeindemitglied, dass sich aus einer Nachbargemeinde zu uns überweisen lässt, weil es ihm in der Gemeinde „zu politisch“ geworden ist. Es sei „von vorne“ festgelegt worden, welche politische Meinung Christ*innen zu vertreten und für welche Themen sie sich stark zu machen hätten. Dem wollte er entfliehen. Auf der anderen Seite würde er sich über die soeben gebrauchte gendergerechte Schreibweise aufregen und hatte auch schon den Vorschlag gemacht, die Gemeinde solle sich gegen deren Nutzung stark machen. An diesem Beispiel wird deutlich, wie sehr eine Gemeinde in ihrem Bestreben, politische Orientierung geben zu wollen, als übergriffig empfunden werden kann. Zugleich zog auch der „Flüchtling“ zu einem Thema politisch Stellung, das ihn stört, und wollte die Gemeinde für seinen Standpunkt gewinnen.

Da ist ein weiteres Gemeindemitglied, dass seinen Dienst als Gemeindebriefredakteur aufgibt, weil in manchen Artikeln das Gendersternchen vorkommt. Dies habe als politisches, nicht geistliches Statement im Gemeindebrief nichts zu suchen. Andererseits engagiert er sich beim „Marsch fürs Leben“, der sich gegen Abtreibung einsetzt, und begründet dies mit seinen Glaubensüberzeugungen. Da bleibt mir zu fragen: „Wenn doch gendergerechte Sprache ein ausschließlich politisches Thema sein soll und nicht in die Gemeinde gehöre, wie passt es dann, dass du dich aus deiner Glaubensüberzeugung heraus politisch engagierst und auch in der Gemeinde mit Leuten darüber sprichst?“

In beiden Beispielen hatte ich den Eindruck gewonnen, dass Gemeinde nur dann politisch agieren dürfe, wenn sie dabei die eigene Meinung vertritt. Wird dagegen eine andere Meinung geäußert, kommt die Aussage: „Politik hat in der Gemeinde nichts zu suchen!“ Ähnliche Beobachtungen habe ich gemacht bei Fragen wie der Einführung der „Ehe für alle“ oder der Diskussion um das Verschleierungsverbot für Muslima. Während die einen sich hier ein klares Statement wünschen, kontern die anderen mit Themen wie Klimaschutz und Flüchtlingshilfe. Da knirscht es schonmal im Gemeindegetriebe.

Meines Erachtens lassen sich Gemeinde und Politik unterscheiden, aber nicht voneinander trennen. Wir sind sowohl als einzelne Gläubige als auch als Gemeinde Teil der Gesellschaft. Uns berühren politische Themen, manche mehr, manche weniger. Und so, wie z.B. die einen aus ihrer Glaubensüberzeugung heraus am „Marsch fürs Leben“ teilnehmen, setzen sich andere für den Klimaschutz ein und nennen es „Schöpfung bewahren“. Und ich gehe davon aus, dass ich nicht die einzige Person bin, die sich bei ihrer politischen Wahl an ihren Glaubensüberzeugungen orientiert.

Wie gehen wir als Gemeinden also mit Politik um? Ich erachte zwei Hinweise als wichtig: (1) Wenn ein politisches Thema Menschen in der Gemeinde bewegt, kann und sollte es auch in der Gemeinde angeschaut werden. Denn so, wie wir von Gott Leitung und Korrektur für unseren Glauben erwarten, kann er uns auch Impulse für diese Fragen geben. Dazu kommt für mich (2) der „prophetische Auftrag“ der Gemeinde. So, wie die Propheten des Alten Testaments Gottes Sicht zum politischen und geistlichen Wirken Israels dargebracht haben, so können wir gesellschaftliche Themen aus biblischer Sicht beleuchten und darüber in den Diskurs einsteigen. Wichtig ist mir in beiden Fällen der offene Dialog und die gegenseitige Wertschätzung im Diskurs. Denn wie bei vielen anderen Themen gibt es in unseren Gemeinden unterschiedliche Ansichten, die das Recht haben, gehört und ernstgenommen zu werden. Wenn wir offen in den Austausch gehen, besteht die Chance, Weitblick zu gewinnen und in Liebe zueinander zu wachsen.

Wunder kommen leise – Release im Juli 2021

Wunder kommen leise – aber sie kommen bald. Am 24. Juli kommt das erste Hörbuch heraus, dass Paula Roose und ich gemeinsam produziert haben. Ich freue mich, dass wir mit Miss Motte Audio eine tolle Partnerin an der Seite haben.

Erlebe die Geschichte von Johannes Bublitz, der sein persönliches Weihnachtswunder erlebt. Allein, arbeitslos, ohne Perspektive, macht er sich, durch unterschiedliche Begegnungen angeregt, auf die Suche nach der Weihnachtsfreude. Die Geschichte entfaltet sich über die gesamte Adventszeit, denn mit dem Adventskalender hat Paula Roose die Geschichte in übersichtliche und wunderbar gestaltete Einheiten aufgeteilt.

Gemeinde – Jeder ist willkommen! Oder?

Sehnst du dich nach einer Gemeinde, in der jeder Mensch willkommen ist? Also wirklich jeder? Ich auch! Und nicht nur ich, sondern auch viele andere Christinnen und Christen, denen dieses Willkommen verweigert oder zumindest erschwert wird.

Ich werde nächste Woche an einer Veranstaltung von Zwischenraum teilnehmen: Coming-In. Auf der entsprechenden Homepage ist zu lesen:

Es wird Zeit für ein Christentum, in dem queere Christ*innen auch nach ihrem Coming-out ein herzliches „Willkommen! Komm rein!“ erleben!

Wir träumen von christlicher Gemeinde, in der jede*r willkommen ist – egal b lesbischschwulbi oder trans.

Ich teile diesen Traum. Für Jesus ist jeder Mensch gleich wichtig. In der Schöpfung hat jeder Mensch seine Würde als Ebenbild Gottes bekommen, als sein Gegenüber, mit dem Gott zusammen sein möchte. Wenn Gemeinden Menschen den Zugang verwehren, drücken sie damit zugleich aus: “Aus unserer Sicht bist du auch bei Gott nicht willkommen.”

Egal, wie du theologisch zur Frage nach sexueller Identität jenseits der Heterosexualität stehst, so hoffe ich doch, dass du mit mir das Anliegen von Zwischenraum teilst, dass in Gemeinden jeder Mensch willkommen sein sollte. Wenn du mitdenken möchtest, dann melde dich gerne zum Online-Treffen am 18. Februar an, zu Coming-In:

Coming-In – Jeder ist willkommen! (coming-in.de)

Wir sehen uns dort!

Gottes Segen, dein Christian Denkers

“Suchet der Stadt Bestes”

Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.

Jeremia 29,7; Monatsspruch Oktober 2020

Gott lässt diese Worte an sein Volk ausrichten, als es in der babylonischen Hauptstadt Babel in Gefangenschaft lebt. Das Volk hat seine Heimat verloren, der Mittelpunkt seines Glaubens (der Jerusalemer Tempel) wurde zerstört, und Fragen machen sich breit: „War unser Gott zu schwach gegen die Götter von Babylon? Hat die Verheißung des eigenen Landes für unser Volk seine Gültigkeit verloren? Wie können wir weiter unsere Identität als Volk Gottes wahren? Ist das überhaupt noch angebracht?“

Mit dem Propheten Jeremia gibt Gott seinem Volk eine neue Spur: Setzt euch für die Stadt ein, in der ihr lebt, auch wenn sie nicht eure Heimat ist. Baut eure Häuser, richtet euch ein und übernehmt Verantwortung für eure Stadt und die Menschen darin. Wenn es ihnen gut geht, geht es auch euch gut.

Als ich im Glauben groß wurde, bin ich an unterschiedlichen Stellen immer wieder mit einem Gegensatz konfrontiert worden: „Wir sind die Christen, gehören zu den Auserwählten; da draußen aber ist die Welt mit ihren gegengöttlichen Ansichten.“ Jeremia setzt einen Kontrapunkt dazu. Nein, da draußen ist nicht einfach „die Welt“, vor der wir uns abgrenzen, ja sogar schützen müssten. „Da draußen“ sind Mitmenschen, um deren Wohl sich Gott ebenfalls sorgt. „Da draußen“, wenn man diesen Ausdruck überhaupt noch benutzen möchte, sind deine Mitmenschen. Der Blick geht nicht zu uns selbst: „Wie kann es mir gutgehen? Wie kann ich mich schützen?“ Der Blick geht zum Anderen, wie Gott es so häufig betont, z.B. im Gebot der Nächstenliebe oder dem Gleichnis vom barmherzigen Samaritaner.

Wie gestalten wir unser Miteinander? Interessieren wir uns lediglich für unsere Gemeinde, unsere Familie, unsere Freunde? Oder sehen wir die Verantwortung, die wir für unsere Nachbarschaft, unseren Stadtteil, unsere Stadt haben? Wenn wir die Energie, die wir möglicherweise bisher für Abgrenzung genutzt haben, nun dafür verwenden, uns für andere zu interessieren, die ich bisher nicht im Blick hatte, was könnte wohl passieren? Die Antwort darauf finden wir nur, wenn wir danach fragen, was das Beste für den Anderen ist. Und nein, damit ist nicht einfach „nur“ gemeint, sie zu missionieren, wie manche oder mancher einwenden könnte. Das Beste ist für Jeremia umfassend gemeint, das Wohl in der Stadt, das Leben hier und jetzt. Wenn die Menschen darüber hinaus Gott kennenlernen, umso schöner. Doch Jeremia ruft nicht zur Missionierung auf, sondern zur Verantwortung füreinander. Denn wenn es uns allen besser geht, geht es uns damit auch besser.

Halten wir die Augen offen für unsere Mitmenschen: Was brauchen sie? Wie kann ich sie dabei unterstützen? Wie kann ich mich gesellschaftlich engagieren, um das Leben für uns alle angenehmer und gerechter zu gestalten? Es sind herausfordernde Fragen, doch sie sind wichtig, denn schlussendlich ist uns damit allen gedient.

Wunder kommen leise

Derzeit arbeite ich, gemeinsam mit Autorin Paula Roose, an der Hörbuchumsetzung ihres Best- und Longsellers “Wunder kommen leise”.

Das Buch ist als Adventskalender angelegt und soll noch dieses Jahr bei Miss Motte Audio erscheinen. Mehr zum Release erfahrt ihr hier, sobald es soweit ist.

Lieben wie Geschwister – Gedanken zum Hebräerbrief 13,1

Am kommenden Sonntag wird in vielen Kirchen und Gemeinden über Hebräer 13,1-3 gepredigt. Als Vorgeschmack für den kommenden Sonntag ein paar Gedanken zu Vers 1.

Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.
(Gute Nachricht Bibel)

Ich mag dieses Bild: liebt einander wie Geschwister. Ich habe eine positive Verbindung damit. Und man sollte meinen, dass man das unter Christinnen und Christen nicht eigens erwähnen bräuchte. Es ist doch klar, dass wir einander wie Geschwister lieben sollten. Meine Beobachtung ist aber häufig eine andere. Nicht nur durch die Kirchengeschichte hindurch, auch heutzutage gibt es ständig Streitereien. Meist geht es darum, wer Recht hat. Wer hat das richtige Bibelverständnis? Wer weiß am besten, wie man zu leben und mit manchen Fragen umzugehen hat? Und wo man keinen gemeinsamen Nenner findet, fangen Christen untereinander an, sich den Glauben, die Erlösung und was weiß ich nicht alles abzusprechen. Wozu führt das? Es führt dazu, dass sich Gläubige zurückziehen, weil sie ihre Meinung nicht mehr offen sagen können, ohne blöde Kommentare oder Anfeindungen erwarten zu müssen. Es führt dazu, dass sich Zweifelnde zurückziehen, weil sie das Gefühl haben, ihre Zweifel nicht mehr äußern zu dürfen, ohne entweder verbal in die Hölle geschickt oder mit Plattitüden abgespeist zu werden wie: „Du musst einfach glauben, dann wird das schon wieder.“ Ich finde es bezeichnend, dass ich meine Gedanken zu manchen Glaubensthemen lieber mit Nichtgläubigen teile als mit meinen Geschwistern in der Gemeinde. Das ist nicht das Familienklima, das wir hier haben sollten.

Mir kommt sofort die Frage: Welchen Wert haben deine Geschwister für dich? Geschwister zu haben ist ja nicht für jeden gleich. Manche sind ohne Bruder oder Schwester aufgewachsen. Andere Geschwister sind verfeindet und sprechen höchstens abwertende oder verletzende Worte miteinander. Wieder anderen geht es wie mir: Ich habe Kontakt mit meinen Brüdern, allerdings eher sporadisch. Wenn wir aber zusammen sind, sind wir einander zugewandt und genießen es, zusammen zu sein. Meine Brüder sind die Menschen, mit denen ich mich am meisten gezofft habe. Gleichzeitig war aber klar: Wer sich mit meinen Brüdern anlegt, legt sich auch mit mir an, egal, wie unterschiedlich wir manchmal gedacht haben und was auch zwischen uns nicht so gut gelaufen ist. Für mich war immer klar: als Geschwister halten wir zusammen und stehen füreinander ein, komme, was wolle.

Für alle Eltern, die das lesen: Wie geht ihr damit um, wenn sich eure Kinder darum streiten, wer Recht hat? Wenn sich meine Kinder streiten, geht es mir als Vater in erster Linie nicht darum, welchem Kind ich nun Recht geben sollte. Mir geht es darum, dass meine Kinder ihren Streit austragen können, ohne dabei ihrer Beziehung zueinander zu schaden. Geschwisterliche Liebe unter uns sollte niemals die Beziehung zueinander aus dem Blick verlieren, andernfalls sind wir auf jeden Fall auf dem falschen Weg. Ich wünsche mir eine Gemeinschaft von Christinnen und Christen, in der wir offen Gedanken austauschen können, ohne dass sich andere Leute um meinen Glauben Sorgen machen oder wir uns meiden, weil wir die Gedanken der Anderen nicht ertragen können. Ich wünsche mir geschwisterliche Liebe, die Unterschiede aushält und miteinander um einen guten Weg ringt.

Hört nicht auf, einander als Brüder und Schwestern zu lieben.

Video: Die Ausgießung des Heiligen Geistes

Sonntag feiern wir Pfingsten, also die Ausgießung des Heiligen Geistes auf alle Gläubigen und damit den Beginn der Gemeinde bzw. Kirche.

Zu diesem Anlass habe ich den Pfingsttext aus Apostelgeschichte 2,1-21 nach der Neuen Genfer Übersetzung eingesprochen. Meine Frau hat den Text mit Bildern unterlegt. Ihr könnt das Video oder die Audiospur gerne verwenden, im Gottesdienst oder zu anderen gemeindlichen Anlässen. Viel Spaß dabei.