Dieser Artikel ist erschienen in der Zeitschrift DIE GEMEINDE 09/2022

Ich sitze in meinem Klinikbett und nehme Nadel und Wolle in die Hand. Mein Ziel: Ohne Vorlage eine Tasche zu häkeln. Mein Hauskreis hat in der Bibel von einer Orakeltasche gelesen und gab mir als Herausforderung, so eine anzufertigen. Nur zum Spaß und nicht ernst gemeint, doch die Herausforderung reizt mich. Meine Häkelkenntnisse sind überschaubar, doch sie reichen aus, um nach wenigen Versuchen eine kleine Tasche häkeln zu können, mit Knopfloch und einem kurzen Band. Sie ist nicht schön, sie ist nicht originell, aber sie ist mein Werk. Das geschafft zu haben fühlt sich gut an, und ich bin stolz auf mich.

Es klingt schon merkwürdig, wie ein 40jähriger Mann sich so über eine selbst gehäkelte Tasche freuen kann. Doch für mich war dieser Prozess ein wichtiger Schritt darin, meine eigenen Fähigkeiten (neu) zu entdecken. Ich bin an Depression erkrankt, erst im Januar 2021 gab es dazu eine fachliche Diagnose, Jahre zuvor bin ich regelmäßig krank geworden und für mehrere Wochen ausgefallen. Die Arbeitsphasen dazwischen waren nicht sehr produktiv, oft fühlte ich mich überfordert oder leer. Zuhause auf dem Sofa zu liegen, unfähig, irgendetwas tun zu können, selbst das Aufhängen der Wäsche im Keller ist ein enormer Kraftakt, das hat stark an meinem Selbstwert gezerrt:

Mann gebeugt Selbstzweifel

„Bin ich überhaupt noch zu etwas zu gebrauchen?“ „Ich fühle mich wie ein Krüppel.“ Diese Gedanken brechen immer wieder durch. Ich habe lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass es jetzt eben so ist.

Dass ich nicht mit noch mehr Versuchen, mich zusammenzureißen, die Tiefphasen überwinden kann. Im Gegenteil, diese Versuche bremsten mich noch mehr aus. Ich musste akzeptieren lernen, dass ich viele Prozesse, die ich begonnen hatte, nicht zu Ende führen würde. Dass ich, wenn überhaupt, das Nötigste schaffe. Bis heute bin ich kaum belastbar, nur langsam wird es besser und es wartet eine berufliche Reha-Maßnahme auf mich, die mich wieder aufpäppeln soll.

So hart diese Zeit auch war und ist, sie hat mich eine wichtige Lektion gelehrt: Mein Selbstwert wird nicht von meiner Leistungsfähigkeit bestimmt. Ich bin kein Workaholic, meine Arbeit war mir nie wichtiger als meine Familie, meine Freunde oder meine Hobbies. Ich kann mich gut von Aufgaben abgrenzen und dennoch Spaß an meiner Arbeit haben. Und doch hat sie einen Teil meines Selbstwertes bestimmt. Da kommt in mir die Frage auf, wie sehr ich künftig meinen Selbstwert von meiner Arbeit abhängig machen möchte.

Einer ähnlichen Frage geht das Buch Prediger nach. In einer Mischung aus Weisheit und teils depressiver Melancholie geht es der Frage nach, welchen Sinn alles Tun im Leben hat. Im Abschnitt 4,4-8 wendet er sich der Arbeit zu. Wollte man sie ergreifen und für sich fruchtbar machen, seinen Selbstwert oder seine existenzielle Sicherheit darauf bauen, so bleibt am Ende nicht mehr in der Hand als eine flüchtige Brise, die, kaum ist die Hand geöffnet, wieder von dannen zieht. Eine deprimierende Perspektive. Eine grausame Erkenntnis. Ich habe diese Erfahrung gemacht, schmerzhaft und erdrückend. Alles Mühen war vergeblich, führte mich sogar noch tiefer in den Schmerz.

Doch der Prediger bleibt nicht in diesem hoffnungslosen Loch stecken. Er erkennt in 5,17: Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass wir Menschen in dem kurzen Leben, das Gott uns zugemessen hat, nichts Besseres tun können als essen und trinken und es uns wohl sein lassen bei aller Mühe, die wir haben. So hat Gott es für uns bestimmt. (Gute Nachricht Bibel). Arbeit bestimmt unser Leben, daran hält er fest, doch liegt ihr Zweck nicht darin, unseren Selbstwert zu bestimmen, sondern uns das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Ich finde, dass darin ein weiser und angemessener Umgang mit der Arbeit angesprochen wird. Arbeit bzw. Beschäftigung ist wichtiger Teil des Lebens, das wird er immer sein. Doch ich möchte nicht zu ihrem Diener werden, indem ich meinen Selbstwert von ihr abhängig mache. Im Gegenteil, sie soll mir dienen, indem sie mir dabei hilft, ein Leben zu führen, das mich erfüllt.

In meiner Verhaltenstherapie lerne ich, mich auf Dinge zu konzentrieren, die mir guttun. Sie sind Brücken über meine Tiefphasen. Dazu gehören u.a. Bewegung, Sonne, ausreichend Pausen ohne Mediennutzung und vertraute Gemeinschaft. Darin sehe ich den Prediger bestätigt, wenn auch er sich auf das konzentriert, was uns guttut. Das macht vor der Arbeit nicht halt. In meiner anstehenden beruflichen Reha liegt der Fokus nicht darauf, so schnell wie möglich wieder arbeiten zu können und damit meinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Ich soll dank der Reha so gesund wie möglich wieder arbeiten können. Darum werden wir auch nach beruflichen Möglichkeiten suchen, die für mein Wohlergehen förderlich sind.  Welchen Stellenwert hat meine Arbeit? Einen hohen, nach wie vor. Ich möchte auf jeden Fall wieder arbeiten gehen, doch ich möchte mich selbst dabei nicht mehr aus dem Blick verlieren. Ich möchte stärker auf mich achten und mich auf den Selbstwert besinnen, den Gott mir als sein Geschöpf gegeben hat. Ich möchte darauf achten, dass ich mit der Arbeit mir und damit Gottes Schöpfung Gutes tue. Vieles auf dem Weg dorthin ist noch ungewiss, und wie bei der Orakeltasche werde ich möglicherweise immer wieder neu anfangen müssen, bis Masche um Masche ineinandergreifen und ein gutes Ganzes ergeben. Mein Leben wird dadurch verändert. Vielleicht ist nicht so schön wie vorher – dafür ist anderes womöglich noch schöner. Vielleicht ist manches nicht mehr so originell wie vorher – dafür tut es mir gut. Ich möchte auf mein Leben und meine Arbeit schauen und sagen können: „Das geschafft zu haben fühlt sich gut an, und ich bin stolz auf mich.“

Orakeltasche
Meine Orakeltasche

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